Montag, 5. September 2022

Eine wundersame Wandlung

 

 Copyright by Michael Blümel

Vom Steh- zum Sitzpinkler!

Hermann L. hatte 61 Jahre lang auch nicht im Entferntesten an die Möglichkeit gedacht, dass etwas plötzlich nicht mehr so einfach und selbstverständlich laufen würde, wie er es bisher gewohnt war. So ganz nebenbei konnte es in letzter Zeit allerdings schon mal passieren, dass der eine oder andere Tropfen sozusagen "verloren“ ging und auch die Meisterschaft früherer Jahre in bezug auf Intensität und absolute Treffsicherheit wurde nur noch selten erreicht. Bei diesen traurigen Anlässen dachte er voller Wehmut an die kindlichen "Doktorspiele" zurück, in deren Verlauf alle daran beteiligten Jungen bis auf eine Ausnahme - Phimose im postoperativen Stadium - den Mädchen in der sportlich durchgeführten Disziplin des so genannten "Weit- und Zielstrullens" deutlich überlegen waren. Dies führte dann oft zum sofortigen Abbruch der im übrigen hoch interessanten Übungen, da die Verliererinnen durch diese häufigen Niederlagen sehr frustriert waren und jegliches Interesse an noch weitergehenden Forschungen, bzw. mehr allgemeinen Untersuchungen verloren hatten.

An dieser Stelle soll auch kurz auf die in jüngerer Zeit allerdings heftig umstrittene "Penisneid-Theorie" von Altmeister Siegmund Freud hingewiesen werden, wonach Frauen zumindest zeitweise den Männern ihr primäres Geschlechtsorgan nicht gönnen und es lieber selbst hätten. Auch in späteren Jahren hatte das Bild eines aufrecht stehenden und versonnen vor sich hin strullenden Mannes für L. eine gewisse Faszination. Vor allem dann, wenn der bernsteinfarbene Strahl in einem langen und schönen Bogen genau in das vorgesehene Ziel traf. Dies alles vermittelte ihm ein Gefühl großer Gelassenheit, ja sogar einer gewissen Souveränität im Umgang mit der normalerweise eher banalen Verrichtung.
Besonders schöne Erinnerungen hatte er an die nicht gerade seltenen Gelegenheiten, wenn er diesem dringenden Bedürfnis in der Natur freien Lauf lassen konnte. Vielleicht spielten hierbei auch gewisse Urinstinkte eine nicht zu unterschätzende Rolle. Gehört doch im Reich der Säugetiere die Markierung des eigenen Herrschafts- und Einflussbereiches zu den vordringlichsten und wichtigsten Verhaltensweisen des Männchens. Vollends erhärtet wird diese Ansicht durch das im Verlaufe dieses Rituals geradezu automatische Aufsuchen eines Baumes, der einerseits als markanter Duftträger dient, andererseits zusätzlich aber auch einen gewissen Schutz vor eventuellen Angriffen ehemaliger und somit besonders eifersüchtiger Revierinhaber bietet. Schließlich befindet Mann sich doch in einer vergleichsweise wehrlosen Position, die zu einem heimtückischen Überfall ermutigen könnte. Es soll auch schon Bisse tollwütiger Füchse gegeben haben.

An diesem für Hermann L. denkwürdigen Abend im November befand er sich plötzlich und vollkommen unerwartet selbst in einer Situation, von der er bis dato nur vom Hörensagen Kenntnis hatte.