Mittwoch, 24. August 2022

Alles nur ein Missverständnis?

Die Welt funktioniert nur durch das Missverständnis. Eben durch dieses universale Missverständnis bringt sich jeder mit dem anderen in Übereinstimmung.

Charles Baudelaire (1821 – 1867).

Das Geheimnis intakter zwischenmenschlicher Beziehungen beruht nach dem französischen Dichter auf einem Missverständnis: dem fehlenden Wissen über die Differenzen und nur der bloßen Vermutung einer Übereinstimmung. Obwohl sie in Wirklichkeit gar nicht oder nur eingeschränkt existiert. Wenn man sich wirklich verstünde, wäre zwar das Missverständnis beendet, aber auch das gute Einvernehmen.
Es ist demnach also nur eine Illusion, wenn wir einander zu verstehen glauben. Und wir wären tief enttäuscht, oft auch sehr verletzt, wenn diese Annahme eines Tages wie eine Seifenblase zerplatzen würde. Und das, obwohl wir uns doch schon so lange kennen. Aber gerade darin bestand unser Irrtum, der nun aufgeklärt ist.
Ich muss gestehen, dass ich lange darüber nachgedacht habe. Und noch immer schrecke ich vor der Annahme dieser kalten, aber zwingenden Logik zurück. Es ist doch so angenehm und schmeichelt dem Ego, wenn man sich von seinen Mitmenschen verstanden glaubt, mit den meisten keine oder nur geringfügige Probleme hat und von einigen sogar geliebt wird. Vielleicht sollte man es bei diesem Missverständnis belassen. Alles zu wissen hat offenbar auch seine Schattenseiten. Was meint ihr?

 

 

7 Kommentare:

  1. Ich widerspreche dem Herrn Baudelaire! Der hat so gedacht, weil er in einer Zeit lebte, in der die Beziehungen noch ganz anders verfasst waren, die Geschlechter stärker auf ihre Rollen festgelegt. Heute ist es durchaus möglich, einander zu verstehen, was ja nicht heißt, dass es keine Differenzen gibt! Wer die Andersheit des Anderen akzeptiert, hat kein Problem damit. Es muss nicht jeder so sein wie ich, das wäre ja sogar sehr langweilig. Baudelaire spricht von "bloßen Vermutungen" in Sachen Übereinstimmung. Offenbar erwartete er Übereinstimmung als Normalfall, was oft nicht der Fall ist. Ehrlichkeit, über Differenzen (und ihre Gründe) miteinander sprechen, Kompromisse aushandeln oder eben im Einzelfall nach dem Motto "jeder macht seins" vorzugehen, war ihm offenbar nicht möglich. Vermutlich auch nicht die Partnerwahl anhand gemeinsamer Interessen - denn wo wären diese angesichts der Geschlechtsrollen zu seiner Zeit überhaupt möglich gewesen?

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    1. Zitat: "Heute ist es durchaus möglich, einander zu verstehen,..."
      Ich denke, dass dies auch früher möglich war. Allerdings mit Einschränkungen, bedingt durch die festgelegten Geschlechterrollen und/oder den allgemeinen zwischenmenschlichen Beziehungen zur Zeit des Dichters.
      Missverständnisse gab und gibt es immer wieder. Die Frage lautet nach wie vor: Ist der Glaube an das vorhandene absolute Verständnis füreinander in den Beziehungen eine Illusion oder nicht?

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    2. @Gerhard
      Ja, es ist wohl eine Illusion. Aber sie ist nützlich - für beide Seiten.

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  2. Niemand hatte das gleiche Leben wie ich. Also kann er meine Psyche nur im Ansatz verstehen.
    Ich denke, je älter man wird, umso mehr tauchen Altlasten aus der (frühen) Kindheit auf. Auch wenn man sie benennt, sind sie noch lange nicht bem anderen (angekommen),
    Gerhard

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  3. Ich finde, es gibt gar keine Notwendigkeit, einander immer 100prozentig zu verstehen. Was heißt in diesem Zusammenhang überhaupt "verstehen"? Wenn jemand eine andere Kindheit hatte als ich, aus der er womöglich bestimmte Macken mitgebracht hat (wie Gerhard anführt), dann kann er mir zwar berichten und ich kann es mir dann rational erklären, aber NACHFÜHLEN kann ich es dennoch nicht.

    Dann kommt es darauf an, inwieweit das daraus erwachsende Verhalten tolerierbar ist oder nicht. Was wiederum davon abhängt, wie sehr die jeweiligen Menschen aufeinander angewiesen sind, ob sie gemeinsame Verantwortung tragen, sich also einigen müssen um sinnvoll zu agieren. (Das ist z.B. heute deutlich weniger der Fall, denn man kann sich trennen oder auch erst gar nicht zusammen ziehen).

    Die "Tolerierbarkeit" hängt des weiteren davon ab, wie Ego-zentriert der vom Verhalten Betroffene noch ist. Es ist ein Unterschied, ob Verständnis im Sinne von Kenntnis der Ursachen dazu führt, das man locker über ein "kantiges" Verhalten hinweg sieht, weil man ja weiß...und sich also nicht persönlich betroffen fühlt. ODER ob man TROTZ Kenntnis der Ursachen immer wieder verletzt reagiert.
    Ebenso spielt die Bereitschaft "an sich zu arbeiten" eine Rolle - alles ein weites Feld! Kurzum: mit "absolutes Verständnis" kann ich nicht wirklich was anfangen. Das muss man schon aufdröseln - und "Illusion" ist m.E. nur dann möglich, wenn man versäumt, sich auseinander zu setzen, zu kommunizieren über alles, was möglicherweise irgendwie klemmt.

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